Schule für Gesang
    Petra Schulze

Gesang studieren?

 

Irgendwann stellt sich jede begabte junge Sängerin, jeder begabte Sänger die Frage, ob es wohl klug wäre, die Leidenschaft zum Beruf zu machen und Gesang zu studieren. Nun, klug ist es nicht, das vorab! Wer sich allzu lange fragt, wird es deshalb auch lassen. Der Sängerberuf ist hart, schlecht bezahlt (in Oper und klassischem Konzertbereich) und die große Karriere äußerst unwahrscheinlich.

So bleiben die Sängerbegabungen übrig, die sich nicht lange fragen, die einfach nicht anders können. Um diese geht es hier in meinem Artikel.

Meistens drängt es sie zur Oper. Das stellt sich wiederum als klug heraus. Denn ausschließlich von Kirchenkonzerten oder gar Liederabenden kann niemand leben, das ist ein Saisongeschäft, Weihnachten, Ostern und Totensonntag. Deshalb finden sich hier sehr viele, wirklich gute Amateure, die einen Brotberuf haben und doch für den Gesang leben. Die anderen Konzertsänger betätigen sich nebenbei als Gesangspädagogen. Das kann Himmel oder Hölle sein – für Lehrer und Schüler!

Mancher Sänger entdeckt in sich eine echte pädagogische Begabung und forscht und bildet sich fort. Diese Sänger (meistens sind es Frauen!) gehen mit Freude ihrer singenden und lehrenden Tätigkeit nach. Gesang zu unterrichten, lediglich als Nebenjob, ist unverantwortlich, nicht nur dem Schüler, sondern auch sich selbst gegenüber. Übrigens sieht die Mehrzahl der Konzertsänger keinen Grund, an einer Hochschule zu studieren. Sie bilden sich bevorzugt im Privatunterricht aus, denn sie müssen ja nur singen! Wer Opernsänger werden will, weiß aber, dass dazu auch Schauspiel, italienisch und Bewegungsunterricht gehört. Der obligatorische Klavierunterricht lässt sich mit Gehörbildung und Harmonielehre verbinden und überfordert auch die Möglichkeiten der privaten Ausbildung nicht. Aber an der Hochschule kostet er nichts – genau so wenig wie der sonst recht teure Gesangsunterricht.

Womit wir bei dem wohl schlagendsten Argument gegen eine private Ausbildung wären: den Kosten! Immer mal wieder werden von mir ausgebildete Sänger gefragt, wie sie das über die Jahre geschafft hätten mit ihrem Brotberuf! Oft kommt dann noch der Zusatz: “Das könnte ich nie!“ Schauen wir uns an, welchen Bedingungen der Anwärter eines Hochschulstudiums ausgesetzt ist:

Dieser wählt als Erstes den Ort aus, an dem er studieren will. Vielleicht denkt er dabei an einen bestimmten Professor. Klug wäre es, diesem vor der Aufnahmeprüfung schon einmal vorgesungen zu haben. (Das ist meistens möglich!) Hätte der Professor Interesse an unserem Sänger, wäre das schon mal gut für die Prüfung.
Versehen mit Ratschlägen und der Warnung vor den Schwierigkeiten der theoretischen Prüfung (Gehörbildung, Kontrapunkt und Harmonielehre) fährt der Sänger wieder nach Hause. Übrigens sind die theoretischen Prüfungen im Schwierigkeitsgrad außerordentlich unterschiedlich, Stuttgart liegt traditionell an der Spitze der Anforderungen.

Deshalb überlegt der angehende Student, sich an mehreren Hochschulen zu bewerben, was klug, aber praktisch oft schwierig umzusetzen ist, da die Hochschulen ihre Prüfungstermine nicht untereinander koordinieren. Zufällig passen aber einige Termine gut zusammen, und der Sänger fährt zur Prüfung. Überspitzt formuliert, singen an einer Hochschule 500 Bewerber für 10 Ausbildungsplätze vor. Deshalb wird das Gros der Sänger vorher bei den Theorieprüfungen ausgesiebt.

Angenommen nun, Sie haben die Aufnahmeprüfung bestanden, und tatsächlich gleich einen Studienplatz bekommen, so bleibt noch die Frage des Lehrers. Wahrscheinlich ist es nicht der, zu dem Sie wollten, denn zu dem wollen vielleicht alle, sondern irgendein anderer. Wenn sie Glück haben, können Sie während des Studiums noch wechseln, denken Sie sich.

Jedenfalls hat sich der Professor ehemals als Sänger einen großen Namen gemacht. Nun lehrt er mit Akribie eine Gesangstechnik, von der er denkt, dass sie ihn zur Berühmtheit geführt hat. Leider lässt sich diese Technik nicht recht auf ihre Stimme übertragen. Merkwürdigerweise singen Sie dank dieser Technik eher schlechter als vorher. Das erinnert an die Sorge, die Peter Schreier dazu bewog, nach vollendeter Sängerkarriere lieber auf seinem Landgut Traktor zu fahren als zu unterrichten. In einem Interview sagte er dazu: “Ich weiß doch nicht, ob bei meinen Schülern das Gleiche wirkt wie bei mir!“

Aber, wie ist das möglich, fragen Sie sich jetzt, dass ein so bedeutender Sänger nicht in der Lage ist, Gesang zu unterrichten? Die Erklärung ist ganz einfach: Je genialer ein Sänger, desto intuitiver ist sein Zugang zum Gesang und desto aussichtsloser der Versuch, seine Fähigkeiten anderen zu vermitteln. Aber auch geniale Sänger haben doch irgendwann einmal Gesangsunterricht gehabt und Gesangstechnik gelernt, könnten Sie sich nun fragen. Dazu ist festzustellen: Das sängerische Gesamtgefühl des Genialen kann nicht durch eine Gesangstechnik erworben sein, deren Natur in der Isolierung von Einzelvorgängen besteht! Es ist demnach eher anzunehmen, dass der Geniale seinen Gesangsunterricht unbeschadet überstanden hat!

Das alles ist nicht neu. Schon Franziska Martienssen-Lohmann, eine der bedeutendsten Gesangspädagogen des letzten Jahrhunderts und Autorin zahlreicher Bücher („Der wissende Sänger“) bemerkte in einem Brief 1965: „Ich beschäftige mich mit dem Gedanken, einen längeren Aufsatz über die Engagements von Gesangsexperten an Hochschule und Konservatorien zu schreiben. Die heutige (1965!) Sucht nach „Fassade“ überhaupt dokumentiert sich in steigendem Maße durch die Verpflichtung möglichst bekannter Sängernamen an maßgebende pädagogische Stellen. Nur wenn die angehenden Pädagogen dem breiten Publikum durch Rundfunk, Fernsehen und Presse weitgehend als Sänger bekannt sind, werden sie als würdig erachtet, an den Instituten auch unterrichten zu lernen (!), das heißt, ihre ersten Schrittchen auf dem Felde der Pädagogik ausgerechnet an Hochschülern und Berufsstudierenden zu wagen. Wenn man daran denkt, dass Caruso seinen einzigen Schüler, also seinen ersten Versuch auf diesem Gebiet, nach längerer Mühe und Not tränenden Auges aufgeben musste, weil die sehr schöne Baritonstimme dieses bedauernswerten Objektes durchaus nicht auf die Einwirkung seines prominenten Lehrers eingehen konnte – so ist damit wohl die ganze Angelegenheit ad absurdum geführt. Der größte Könner unter den Tenören beispielsweise, nämlich Gigli, hat sich gar nicht erst auf dieses Glatteis des ungewohnten Unterrichtens begeben. Die Hochschulen zu Tiefschulen für angehende Pädagogen herunterzusetzen, wird aber jetzt immer mehr zur Gewohnheit. Arme Schüler!“ [aus „Ein Leben für die Sänger“ S. 55, Verlag Atlantis]

Daran hat sich in den letzten fünfzig Jahren nichts geändert! Wie ist es aber möglich, dass niemand diese Situation wirklich zu bemerken scheint? Dazu können Sie in der Biografie von Jonas Kaufmann nachlesen. Er wurde nach eigenen Aussagen an der Münchner Hochschule nach (!) dem Tenorvorbild von Peter Schreier (nicht von ihm!) ausgebildet. Nun hat aber Jonas Kaufmann eine dramatische Stimme und Peter Schreier war ein lyrischer Tenor. Das konnte natürlich nicht gutgehen, Kaufmann fand aber Rettung im Privatunterricht, was aber niemand wissen durfte, denn es war strengstens untersagt.

Einen ähnlichen Fall habe ich während meiner Essener Zeit erlebt: Eine Hochschulstudentin kam wegen großer stimmlicher Probleme zu mir, war schon einmal durch die Abschlussprüfung gefallen, die sie ein halbes Jahr später mit meiner Hilfe, aber ohne Wissen ihres Lehrers bestand.

Auch sie durfte keinen Privatunterricht nehmen, obwohl nach ihren Aussagen der größte Teil der Studenten woanders Unterricht hatte. Aber es durfte eben niemand wissen! Auf meine erstaunte Frage, wie es möglich sei, das die betroffenen Professoren nichts vom Fremdgehen ihrer Studenten bemerkten, zog die Schülerin nur ihre Augenbrauen hoch. „Was für ein Interesse sollten sie haben, davon zu wissen, wenn ihre Schüler dann besser singen?“ Und nach dem Motto Chr. Morgensterns, dass „nicht sein kann, was nicht sein darf“, bleibt dieses Wissen auf ewig im Dunkeln.

Nun gibt es natürlich, wie überall auf der Welt, solche und solche Lehrer. Professoren, die hervorragende Arbeit leisten, leiden aber häufig selbst unter den Institutionen. So bot eine Professorin kurz vor dem Ruhestand einer begabten jungen Schülerin an, sie im Privatunterricht zur Bühnenreife zu führen. Sie riet ihr geradezu von der Hochschule ab und drückte ihren Kummer darüber aus, dass keine Zeit und Möglichkeit mehr sei, die Studenten „zu prägen“. Es würden nur noch Bewerber aufgenommen, die bereits stimmlich fertig ausgebildet seien. Das eigentlich Interessante ihrer Lehrtätigkeit sei damit vorbei! Ein Korrepetitor bemerkte zu dem Thema: „Wenn sie Glück haben, singen sie beim Abschluss so gut wie bei der Aufnahmeprüfung.“

Wenn die stimmliche Entwicklung bei der Aufnahmeprüfung schon bereits abgeschlossen sein soll, was bleibt dann noch? Auch die Anforderungen in Theorie und Klavierspiel entsprechen bei der Aufnahmeprüfung bereits denen des Abschlusses, weil dafür keine kostbare Studienzeit mehr verbraucht werden solle – so sagte eine Schülerin. Die Frage muss gestattet sein, was dann aber noch Aufgabe der Hochschule ist!

Dennoch – konsequent ist diese Praxis schon, bei der Aufnahmeprüfung zu verlangen, was bei Studienabschluss gekonnt sein muss. Stimmschäden werden somit weise im Rahmen gehalten, und wer trotzdem Probleme bekommt, war eben nicht begabt genug.

Vor Jahren machte eine meiner Schülerinnen als dramatischer Sopran Aufnahmeprüfung an einer Hochschule. Nach zwei Jahren war sie ein Mezzo mit großen Höhenproblemen. Nach ihrer Abschlussprüfung erschien sie wieder bei mir und war nach einigen Stunden wieder ein dramatischer Sopran. Da staunt der Laie, und der Fachmann wundert sich!

Übrigens gibt es durchaus auch Opernsänger, die nie an der Hochschule studiert haben. Ich hörte am Aalto in Essen Astrid Weber als hervorragende Senta. Auf die Frage, ob ihr das fehlende Hochschulstudium jemals in ihrer Karriere geschadet habe, antwortete sie in einem Interview, dass ein Studium keine Garantie für ein Engagement sei, dass nur das Vorsingen zähle.

 

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