Schule für Gesang

    Petra Schulze
    

bildzaehler

Leseprobe: "Singen aus dem Bewusstsein der Mitte"

 

Was haben wir unter Singen aus dem Bewusstsein der ''Mitte'' zu verstehen? Das Zwerchfell als Affekt- und Gesangsorgan trennt den Bauchraum vom Brustraum. Es bildet physisch die Mitte zwischen den beiden Regionen und befindet sich im Oberbauch in der Magengegend. Eingelagert in die Muskulatur des Zwerchfells und die umgebende Bauchmuskulatur haben wir den Solarplexus, das Sonnengeflecht. Dieses Nervensystem reagiert hochsensibel auf äußere Eindrücke, auf Gemütsregungen und auf physische und seelische Attacken. Dort empfinden wir den berühmten Schlag in die Magengegend und dort wissen wir intuitiv, was für uns gut ist und welche Entscheidungen wir zu treffen haben. Das Zwerchfell stellt also nicht nur die physische Körper- (Rumpfes-) mitte dar, sondern eröffnet mit dem Solarplexus die dem Kopf, das heißt dem Denken entgegen gesetzte Bewusstseinsebene der Intuition. Wenn wir uns dieser Ebene zuwenden, sind wir dichter an unseren wahren Gefühlen und Impulsen, sind wir in unserer Kraft, in unserer Mitte. Hier haben wir im Singen Zugang zu unserer individuellen Stimme, die nicht verbildet ist durch Vorstellungen, wie ein schöner Ton, die tiefe oder hohe Lage, eine Sopranstimme oder ein Bass ... zu klingen hat. Allerdings reicht die bloße Hinwendung zur Mitte nicht aus. Wir müssen lernen, unseren Willen zurückzunehmen. Anstatt die Töne ''machen'' zu wollen, müssen wir sie aus der Mitte wie von außen ansaugen, sie ''einatmen''. Das fiktive ''Inhalare la voce'' der alten italienischen Schule ist hier gemeint, kein physischer Luftstau. Die Töne, die wir auf diese Weise ''einatmen'', werden auch von Laien sofort als wahre, das heißt unmanipulierte Töne der jeweiligen Stimme erkannt. Hier liegt das Geheimnis echter sängerischer Individualität im Gegensatz zur Austauschbarkeit manipulierter Stimmen. Diese ''eingeatmeten'' Töne sind nur möglich aus vollständiger seelischer und physischer Präsenz des Sängers. Die physische Präsenz äußert sich aber eben nicht in der Manipulation irgendwelcher Muskelpartien des Körpers, also etwa des Zwerchfells, sondern in einer in der Mitte zentrierten Körperhaltung, bei der aus der Weite der Mitte heraus die Flanken gedehnt, der Brustkorb gehoben, aber nicht aufgebläht ist, das Becken öffnend nach vorne gekippt, die Knie weich sind und das Fußgewölbe fühlbar.

 

nach oben