Schule für Gesang

    Petra Schulze
    

bildzaehler

Leseprobe aus dem Kapitel "Sängerschicksale"

Brigitte schien ein Alt zu sein: Die Stimme klang wohlig dunkel und groß, allerdings mit unüberhörbaren Intonationsproblemen. Auch mangelte es an Piano und Beweglichkeit. Was als Alt erschien, war eigentlich eine umfangreiche Sopranstimme, von, wie immer in solchen Fällen, dramatischer Struktur. Der dunkle, schwere Charakter solcher Stimmen führt häufig zu Problemen in der hohen Lage und deshalb zur Bevorzugung der Tiefe und Mittellage. Um vollends als Alt zu erscheinen, wird oft noch die Stimme dunkel überbetont, woraus wiederum eine Balanceverschiebung im gesamten Organ folgt.

So entstehen dann Intonationsprobleme, die in den seltensten Fällen etwas mit dem musikalischen Gehör eines Sängers zu tun haben. Sie sind auch nicht über das Hören, sondern über das Körpergefühl zu korrigieren: Der Sänger muss sich ein untrügliches Gefühl dafür erwerben, wann er seelisch und physisch in der Mitte zentriert ist, denn eine solchermaßen gestützte Stimme erklingt immer völlig intonationsrein.

Auch mangelnde Beweglichkeit, hat, besonders bei großen Stimmen, ihre Ursache in ungenügender Zentriertheit des Sängers. Wenn er keinen sicheren Halt in sich selbst findet, kann er die Stimme nicht laufen lassen, kann er keine Koloraturen singen. Das bedeutet auch: Leichtigkeit wird erreicht durch ein starkes Körpergefühl. Erst wenn der Sänger sich in seiner Kraft erlebt, können die Töne luftig locker von ihm abperlen. Es ist wie bei dem guten Reiter, der den schnellsten Galopp seines Pferdes ganz ruhig und versammelt aussitzt.

Ebenfalls eine Frage der Zentrierung sind Probleme mit dem Piano, also den leisen Tönen. Sänger des dramatischen Faches haben häufig deswegen Angst vor dem Piano, weil sie genau dieses Gefühl der Zentrierung im Körper dabei verlieren und ihnen 'der Hals zugeht'. Nun sind die Muskelspannungen im Piano die gleichen, wie bei lauten (Forte-) Tönen (nur die Stimmbänder schwingen nicht in ihrer vollen Breite), ja, sie werden subjektiv sogar als stärker empfunden. Gleichzeitig ist aber im Piano die Kraft sehr gehalten, sie kann nicht direkt nach außen gegeben werden. Das macht die leisen Töne besonders für dramatische Stimmen mühevoll.

Brigitte half das Üben im Echo-Effekt (erst laut, dann leise), ein Gefühl für die Spannungen des Pianos zu bekommen. Eine große, dramatische Sopranstimme, mit großen Möglichkeiten und entsprechend vielen Problemen, braucht lange Zeit, bis sie vollständig ausbalanciert ist. So musste Brigitte seelisch und physisch in ihre Stimme regelrecht hineinwachsen, musste sich strecken und dehnen, um den Forderungen dieser Stimme gerecht zu werden. Dabei entdeckte Brigitte mit Erstaunen und unter vielen nervösen Lachanfällen ihre eigene Kraft und Größe.