Schule für Gesang

    Petra Schulze
    

"La Traviata" in der Wiener Staatsoper

 

Was Singen sein kann, zeigte die Darstellerin der "Violetta" in dieser "Traviata" in Vollendung - nicht in Perfektion! Diese gut in der Körpermitte zentrierte Stimme erklang wahr und zutiefst berührend. Aus der Mitte kullerten Koloratur und Triller als Ausdruck reiner Lebenslust, nicht als technische Spielerei und Virtuosität. Aus der Mitte waren ebenso die Seufzer unterbrochener Atmung gefühlt und innerlich erlebt. Diese Stimme durchdrang den Körper und erfüllte mühelos den Raum.

Manchmal wurde dieser Klangfluss aber unterbrochen durch ungünstige sprachliche Artikulation, wodurch die Stimme festgehalten und in ihrer Ausbreitung behindert war. Auch zu viel Vehemenz der Akzentuierung führte im Eifer des Gefechts bisweilen zu Engigkeit und Unruhe im Ton.

Dies waren trübende Kleinigkeiten der Wirkung, auf die aber für die sängerische (große!) Zukunft sorgfältig zu achten wäre! Sich vollständig auf die Bündelung des Klanges in der Mitte zu verlassen, die Freiheit für die Sprache und deren Ablösung vom Klang bewirkt, das ist die einfache Dauerlösung besagter "Kleinigkeiten".

 

Sehr schön im Zusammenspiel mit dieser Violetta zeigte sich der Darsteller des Alfredo. Seine schlank geführte Stimme war durchaus auch zur Ausladung fähig, nur glaubte es der Sänger nicht immer! So strengte er sich unnötig an mit gespannter Körperhaltung, wo Nachgiebigkeit in der Körpermitte die Lösung gewesen wäre.

 

"Vater Germont" wirkte stimmlich souverän und abgeklärt, allerdings war seine dunkle Klangfarbe nicht Ausdruck des Körperklanges, sondern wurde durch Dunkelung der Vokale im Mundraum "erzeugt". Schade, denn wie hätte diese Stimme mit mehr Körper klingen können! So vermittelte der Sänger bis in die schauspielerische Gestik den Eindruck eines soliden, durchaus mühelosen "Arbeiters", der seiner sängerischen Tätigkeit nachgeht. Welch ein Unterschied zu Violetta in der Duettszene!

Dennoch, Germont wirkte in dieser Aufführung als stabilisierendes Element gegenüber der mitreißenden Energie Violettas, der es in der Schlussszene gelang, ihr Sterben zu neuem Leben zu transzendieren.