Schule für Gesang

    Petra Schulze
    

Carmen   Wiener Staatsoper

 

In dieser Inszenierung zeigte sich Carmen als starkes, rücksichtslos offenes, auch durchaus verspieltes Wesen – verführerisch und sinnlich wirkte sie nicht! Jedenfalls war in der Stimme nichts anziehend Sinnliches hörbar, kein Klang, der den Körper ergreift und den die Sängerin im Ausdruck einsetzen kann.

Die gedunkelte Tongebung sollte nicht mit Körperklang verwechselt werden, der je nach Stimme durchaus hell sein kann. Tatsächlich wurde die Stimme heller, als Carmen in einer Szene mit José auf den fasslichen Text la, la, la einen Bauchtanz hinlegte. Da endlich ergriff die Stimme den Körper, der sonst erst ab Brusthöhe vorhanden war. Diese Bauchtanzübung wäre der Sängerin aus stimmlichen Gründen wärmstens zu empfehlen!

José hatte es nicht leicht mit dieser Carmen. Ihre Härte machte ihn weichlich, seine Lebensauffassung zählte nicht mehr. Sängerisch konnte er gut dagegenhalten mit in Körpermitte gegründeten Tönen, die unnötigerweise durch sehr weite Mundöffnung und leichten Druck des Zungengrundes "bedroht" wurden.

Im Gegensatz zu seiner stimmlich unsicheren Wirkung in der Schlussszene mit Carmen sang Escamillo sein Stierkämpferlied prachtvoll, geradezu beispielhaft mit zentriertem Ton und davon präzise abgelöster Sprache.

Micaela wurde von der Regie als Teenager mit heutigem Gebaren dargestellt und entsprach leider auch stimmlich diesem Klischee. Die Stimme entbehrte in teilweise heller Engigkeit jeder "Herzenswärme", die dieser Rolle von Text und Musik her zukommt. Umso erstaunlicher, was der Sängerin an Innigkeit noch möglich wurde, als sie José vom baldigen Tod seiner Mutter erzählte.

 

Diese Aufführung stand unter dem unseligen Stern der Coronabestimmungen. Eine solche Oper ohne Publikum zu singen, bedeutet, auf einen wesentlichen energetischen Austausch verzichten zu müssen. Denn dieser Strom von Sängern zum Publikum und umgekehrt kann sich hochschaukeln zu einer Intensität, die, zumal im begeisterten Wien, rauschhafte Höhen erreicht. Das Fernsehpublikum kann dagegen nur "gedacht" werden!