Schule für Gesang

    Petra Schulze
    

Jenufa Staatsoper Unter den Linden

Oper von Leoš Janácek

 

Was ist Wahrheit auf der Bühne?

Als im „Faust“ ein echter Pudel auf der Bühne erscheinen sollte, bemerkte Goethe dazu, wie hübsch das Tier auch geraten sei, so bleibe es doch nur ein Pudel! Denn Naturalismus hat mit Bühnenwahrheit nichts zu tun!

Das gilt vielleicht noch mehr für die Oper als für das Schauspiel. So sind wir zutiefst ergriffen, wenn in einer Oper Lungenkranke bis zum letzten Atemzug wundervoll singen. Denn es geht um die innere, seelische Wahrheit, die im Ton ihren Ausdruck findet.

Ein eindrucksvolles Beispiel dafür bot Laca, der mit wenig äußerer Aktion aber mit berührenden Tönen der Mitte seine Seele offenbarte. Der Ausdruck seiner unerwiderten Liebe, seine Verzweiflung, sein Zorn, der am Schluss stimmgewaltig ausbrach, sie beruhten auf einer kraftvollen, durchlässigen, gut zentrierten Stimme.

Ganz anders erschien die „Küsterin“, deren Verzweiflung sich auch in der Stimme wiederfand. Diese wechselte je nach Tonlage ihren Fokus, das Brustregister klang oft grob, die Vokale verfärbt, unschön, beinahe unangenehm der Gesamtklang. Im höchsten Affekt besann die Stimme sich manchmal ihrer geordneten Funktionen, wie es bei solch großen, dramatischen Stimmen oft geschieht. Eigentlich wurde nie ganz klar, ob die Zerrissenheit dem künstlerischen Ausdruck oder doch eher dem stimmlichen Zustand entsprach.

Jenufa dagegen, gesegnet mit dem, was wir eine „schöne“ Stimme nennen, überzeugte nicht zuletzt durch ihre schauspielerischen Qualitäten. Diese waren interessanterweise besonders eindrücklich in den „stummen“ Momenten! Das lag auch daran, dass die Sängerin sonst mit dem Singen etwas „beschäftigt“ schien. Ihrer Stimme wäre mehr Wärme der Mitte, ein wenig Nachgiebigkeit im Körper, etwas weniger Kontrolle zu wünschen. Manchmal bedeutet das einfach mehr Freude an der Magie des Gesanges.