Schule für Gesang

    Petra Schulze
    

Gran Teatro La Fenice Venedig (2017)

L´Orfeo von Claudio Monteverdi

 

Monteverdi vertont hier die Legende des Orpheus, des mythischen Sängers, der mit seiner Musik Tiere und Menschen verzaubert. Seine geliebte Euridice wird ihm durch den Tod entrissen, er will ihr nachfolgen, wird aber von Caronte, dem Fährmann, der die Seelen in die Unterwelt bringt, zunächst aufgehalten. Orpheus singt ihn in den Schlaf und rudert selbst. Im Totenreich bittet Proserpina, die Gattin Plutos für ihn. So darf er Euridice wieder ins Reich der Lebenden führen - wenn er sich nicht nach ihr umdreht, was er dann natürlich macht.

 

Soweit die berühmte Handlung. Sängerisch erleben wir in der Aufführung den üblichen Gestus der alten Musik: sehr kopfige Stimmführung, die in größerer Lautstärke bisweilen „auf der Kehle“ landet, „gezogene“ Töne, die langsam einschwingen, weil sie festgehalten sind, Koloraturen mit viel „H“-Anlautung. Hier sind sogar Triller zu hören, bei denen das „H“ stilisiert wird.

Überbetonung der Sprache bis zum Aktionismus unterbricht das sängerische Legato und verhindert ein echtes Mitfühlen der Zuhörer, das nicht über die Sprache, sondern nur über den klanglichen Ausdruck möglich ist.

Aber die Stilisierung ist gewollt. Ein „wahres“ Gefühl des lachenden oder weinenden Zwerchfells, ein Gefühl aus der Mitte, das sich auf den Hörer überträgt, wird gar nicht gesucht.

Umso eindrucksvoller ist dann die Entwicklung des Orfeo in dieser Aufführung: Er singt sich immer stärker in seinen Schmerz um Euridice hinein – und kommt mehr und mehr in seiner fühlenden Körpermitte an. Seine Körperhaltung wird zentrierter und nachgiebiger, der Kopf „integriert“. Jetzt müsste dieser begabte junge Sänger nur noch begreifen, dass es möglich ist, den Himmel anzuflehen, ohne dabei den Kopf mit vorgeschobenem Kinn gen Himmel zu recken.

Mit der Körperhaltung eines „Tieres auf dem Sprung“ hat Caronte da regiemäßige Vorteile. Sein mächtiger, wundervoller Bass kommt in dieser Partie noch besser zur Geltung als in seiner Doppelbesetzung als „Pluto“.

Dafür gelingen dessen Gattin Proserpina aus der sicheren Körpermitte die zärtlichsten, süßesten Töne der Fürbitte. Hier wird deutlich, dass die Stimme die Grenzen des Körpers nur auf dem Weg durch die Körpermitte überwinden kann. Es gilt, den Körper zu durchdringen, um im „körperlosen“ Ton anzukommen.